Wer die Wahl hat, hat die … Plakate!

vom

aus: Gregor Gysi, Was Politiker nicht sagen, weil es in der Demokratie um Mehrheiten und nicht um die Wahrheit geht!

(MS) Wer in den letzten Wochen seit Beginn der Plakatierung für den Kommunalwahlkampf mit dem Auto unterwegs war, konnte sich der Fülle der zu lesenden Forderungen oder Versprechungen der um die Gunst des Wählers buhlenden Parteien wohl kaum entziehen. Und bei genauerer Betrachtung musste man schmunzeln, wie konventionell die sich so fortschrittlich gebärdenden Gruppierungen im Grunde doch vorgehen: Cicero, einer der Begründer der politischen Redekunst im alten Rom, hätte vermutlich seine wahre Freude daran gehabt!

Aber was kann man im Vorbeifahren aufnehmen? Was prägt sich ein? Kurze Gegenüberstellungen (= Antithesen), wenn möglich mit demselben Buchstaben beginnend (= Alliterationen), die nutzen Werbung und Propaganda in gleicher manipulativer Absicht und die Plakate sind voll davon: Anbinden statt abhängen – Machen statt meckern – Kümmern statt kürzen! Das klingt doch wirklich überzeugend! Lehrkraft statt Wehrkraft – Mobilitätsfrieden statt Straßenkampf – Kommunen bankrott-Kriegskasse gefüllt – Wohnraum statt Schützengraben –  Besseres Klima statt heiße Luft – Kinder fördern statt Feindbilder – Kinderlärm statt Kriegsgeschrei! Sich kinderlieb präsentieren und Angst schüren, das sind bewährte Mittel der emotionalen Einflussnahme, aber erfüllen sie den Anspruch sachlicher Auseinandersetzung? Letztlich sind alle Schwarz-Weiß-Zeichnungen verdächtig, leugnen sie doch sie doch Grautöne und Mittelwege, die aber gerade die alltägliche Wirklichkeit ausmachen.

Mitreißen statt Lösungen aufzeigen ist auch das Ziel sog. Dreischritte wie sie „Arzt, KiTa, Laden – in jedem Stadtteil“ oder „Auto, Rad, Bus&Bahn – du hast die Wahl“ darstellen, als ob es in der Macht der plakatierenden Partei stünde, das herzustellen oder zu beeinflussen! Da lobe ich mir die kreativen Wortspiele, die zumindest durch ihre Doppeldeutigkeiten zum Nachdenken anregen: Radwege ohne Ende! Bus und Bahn – Hin und weg! Unsere Kinder krieg(t) ihr nicht! Mehr Knete für KiTas!

Und dann sind da noch die völlig sinnentleerten Phrasen: Wir holen uns die Stadt zurück! Haltung, Klartext und Respekt! Mut, der Brücken baut!  In jedem Stadtteil ein Zuhause! Da kann man noch so lange im Stau stehen und grübeln, wo sie denn wohl hingeraten ist, die Stadt, dass man sie „zurückholen“ muss! Ob es wohl eine Partei gibt, die nicht für „Haltung, Klartext und Respekt“ eintritt? Überhaupt fällt auf, dass im Grunde alle demokratischen Parteien mehr oder weniger dasselbe wollen. Allenfalls die Lösungsansätze und die vorgeschlagenen Wege sind ansatzweise verschieden.

Oft geht es auch nur darum, wer lauter trommelt oder sich als Initiator oder geistiger Vater einer Idee ausgibt, die bei Licht betrachtet, auf „anderem Mist gewachsen“ ist. Hemmungen und Urheberrechte scheint es im Wahlkampf nicht zu geben. Wer kann zwischen einem Strohfeuer und demjenigen unterscheiden, der wirklich für etwas brennt? Tja, „wer die Wahl hat, hat die Qual!“ Vielleicht verlässt man sich am besten auf diejenigen, die –ausgestattet mit Sachwissen und gesundem Menschenverstand – genügend Durchsetzungsvermögen verheißen und dazu ganz banal: Fleißig genug sind! Denn das sind die Tugenden eines Kommunalpolitikers!